Seminarbericht – Gluten und Autoimmunerkrankungen Teil 1

Weizen und Gluten
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten

„Hohe Bildung kann man dadurch beweisen, dass man die kompliziertesten Dinge auf einfache Art zu erläutern versteht.“

George Bernard Shaw

 YPSI Functional Nutrition Seminar mit Dr. Tom O’Bryan

Es war mal wieder soweit: Passend zur in der darauffolgenden Woche stattfindenden Infoveranstaltung zum Thema „Detox und Wasser“ stand am 15. und 16.09. ein Wochenendseminar im Your Personal Strength Institute in Stuttgart an. Schwerpunkte der beiden Tage: „Gluten und Autoimmunerkrankungen“.

Dr. Tom O’Bryan oder „The Dr.“

Da es sich um ein „Gastseminar“ handelte, führte nicht, wie gewohnt der Inhaber und Personal Trainer Wolfgang Unsöld durch die Weiterbildung, sondern niemand geringerer als Dr. Tom O’Bryan – einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Gluten- und Autoimmunforschung. Dr. Tom oder „The Dr.“ (angelehnt an seine Website www.thedr.com 😉) lehrt am „Institute for Functional Medicine and the National University of Health Sciences“ in Lombard, Illinois, USA und bildet dort Ärzte verschiedener Fachrichtungen in funktioneller Medizin aus. Für seine Patienten gilt sein Anspruch: “Making It Easy To Do the Right Thing” – ein praxisnaher Ansatz also, der sich auch durch das Seminar zog.

2 Tage – 14 Stunden – 300 Studien – 882 Power-Point-Slides

Weiterbildung

Hatte ich etwas von Praxisnähe gesagt? – Besonders eindrucksvoll schaffte es Dr. O’Bryan, die unglaubliche Menge an Hintergrundinformationen, Studien und medizinischen Zusammenhängen mit Fallbeispielen verständlich und nachvollziehbar zu gestalten und den Transfer in die Praxis zu skizzieren. In dieser Artikelreihe möchte ich nun die 3 wichtigsten und überraschendsten Erkenntnisse aus dem Seminar zusammenfassen – los geht’s mit Teil 1!

Erkenntnis 1: Ernährungstrend: Glutenfrei = gesund!? – „Kommt drauf an!“

Eine häufige Empfehlung ist es, Getreideprodukte und im Speziellen Weizen aus der Ernährung zu streichen. Der Hauptgrund ist das enthaltene Gluten, dass bei vielen Menschen für unterschiedliche Einschränkungen des Wohlbefindens sorgt. Eine geringe Anzahl ist sogar glutenunverträglich, was bedeutet, dass diese Menschen ihr Leben lang auf das Klebeeiwieß im Weizen verzichten müssen. Dr. O’Bryan zeigt, dass es mit dieser einfachen „Schwarz-Weiß-Lösung“, wie so oft, nicht getan ist.

78 % der Präbiotika wird über Weizen aufgenommen

Der Nordamerikaner (daher kommt die Statistik) nimmt über ¾ der Ballaststoffe, die die Darmbakterien mit Nahrung versorgen, über Weizen auf.

Zur Erklärung: In unserem Darm (und letztlich im gesamten Körper) finden sich unzählige Bakterienkulturen (Mikrobiom). Je nach wissenschaftlicher Quelle nimmt man an, das sie das 1,3 bis 10 fache der Körperzellen ausmachen. Wir sprechen hier also von 40-300 Billionen Bakterien!

Was tun diese Bakterien?

gesundes Mikrobiom

Diese Bakterien haben verschiedeneste, zum Teil noch unerforschte Wirkungen und Funktionen im Körper z.B.:

  1. Die Bakterien sind Teil des Immunsystems
  2. Sie stellen Nährstoffe her, die dem Körper als Energielieferant dienen (kurzkettige Fettsäuren)
  3. Sie produzieren Vitamine, die über den Darm aufgenommen werden (z.B. Vitamin B12)
  4. Sie produzieren Neurotransmitter, welche die Stimmung beeinflussen (Serotonin-Glückshormon)

Nun der Knackpunkt: Je nachdem, womit man sein Mikrobiom füttert, werden „hilfreiche“ Bakterien vermehrt, oder von krankmachenden Bakterienstämmen verdrängt. „Du bist was du isst“ bekommt so eine ganz neue Bedeutung!

Was brauchen die Bakterien nun genau?

Stichwort: Ballaststoffe! Diese unverdaulichen Nährstoffe stecken in pflanzlichen Lebensmitteln, so im Getreide oder auch im Gemüse und Obst. Die Bakterien verdauen die Ballaststoffe oder Präbiotika und geben Ausscheidungsprodukte ab, die wiederrum über die Darmschleimhaut aufgenommen werden und unseren Körper versorgen.

Weizen versorgt uns mit Nährstoffen

Weiterhin nehmen wir zu einem großen Prozentsatz verschiedene Vitamine (B1, B2, B3, B6, B9) und andere Mikronährstoffe (Eisen, Zink, Selen) über Weizen/Getreide auf. Verzichten wir komplett auf Getreide, ohne dies auszugleichen, reduzieren wir damit die Aufnahme von lebenswichtigen Mikronährstoffen.

Wo ist also das Problem?

Das Problem ist: Wenn wir unseren Ballaststoffbedarf hauptsächlich über Weizen decken, nehmen wir damit Gluten auf, eine Proteinverbindung, die wir nicht vollständig verdauen können. Dr. O’Bryan wies auf neueste Erkenntnisse hin (Dr. Alessio Fasano), nach denen KEIN Mensch auf dieser Welt, die Enzyme hat, um Gluten vollständig zu verarbeiten. Die Molekülketten, die übrig bleiben können den Darm und letztlich den gesamten Körper auf verschiedene Weise vor Probleme stellen. Wie genau und welche Symptome dabei auftreten können, dazu mehr im zweiten Teil der Reihe.

Fazit zu Teil 1:

Forschung in die Praxis

Was können wir nun aus diesen Fakten in die Praxis übernehmen? Ein Umstieg auf eine glutenfreie Ernährung von jetzt auf gleich ist laut den Studiendaten keine gute Idee: Tut man dies, hat man im ersten Jahr nach der Umstellung ein um den Faktor 8 erhöhtes Risiko an einer Leberzirrhose zu versterben. Auch eine Mangelversorgung mit Mikronährstoffen ist, wie gesehen, nicht zu unterschätzen.

Take-Away-Punkt 1

Daher der erste Take-Away-Punkt: Wenn du deine Ernährung glutenfrei gestaltest achte auf eine ausreichende Zufuhr von präbiotischen Nährstoffen, im Speziellen Ballaststoffe aus Wurzelgemüse! Wähle regionales und biologisch angebautes Gemüse, um Schadstoffe und Pflanzenschutzmittel zu vermeiden! Iss täglich eine oder mehrere Portionen aus dieser Nahrungsmittelgruppe! Fermentation des Gemüses ergänzt weitere positive Wirkungen für die Darmgesundheit.

Kleiner Nachtrag am Rande: Hinter Weizen als Quelle für Präbiotika auf den Plätzen zwei und drei folgen Zwiebeln und Gerste. Wolfgang Unsöld fasst diese Statistik passend zusammen:

Bedeutet das, dass ein Hamburger mit einem Bier die in den USA verbreitetste präbiotische Mahlzeit ist?

Sorgen wir dafür, dass dem nicht so ist! 😉

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